Die Prüger Familie: Teil 4 - Henry Prüger, der 1. Weltkrieg in London und seine Heimkehr mit Familie

Nachdem Henry seine Familie finanziell unterstützt hatte und ihr so die Eröffnung vom Savoy-Carlton in Pressburg ermöglicht hat, wollte er sein eigenes Hotel in London zu verwirklichen und kaufte dort ein Objekt in erstklassiger Lage. Bevor er mit seinem Projekt anfangen konnte, begann der erste Weltkrieg, welcher seine Pläne zerstört hat und er befand sich plötzlich in einer sehr schwierigen Situation.

Hotel Savoy - Carlton. Quelle: Archiv der Familie Lippert 

Die Altersgrenze für den Militärdienst hat er überschritten und so haben ihm seine Freunde in hohen Positionen eine Einbürgerung als Lösung seiner Situation angeboten. Er hatte ja eine englische Ehefrau und seine Söhne waren britische Staatsbürger Er stand also vor einer sehr schwierigen Entscheidung. Schliesslich hat er das grosszügige Angebot verweigert, weil seine Ehre es ihm nicht gestattete. Der Grund dafür war, dass Grossbritanien und die Nation seiner Geburt im Krieg gegenüberstanden. Er verlor damit seinen gut bezahlten Job sowie sein Eigentum an der St.James Street und zog mit Familie aufs Land. Trotzdem organisierte er während des Krieges Speisehäuser mit warmen Mahlzeiten sowie Bekleidungsaktionen und bekam schliesslich die Genehmigung im Lande zu verweilen.

Die drei Prüger Buben (Tony, Peter, Henry). Quelle: Archiv der Familie Lippert 

Nach dem Krieg hatte er das Bedürfnis, mit seiner Familie nach Pressburg zu  kommen. Es war nicht einfach, da obwohl die Kinder noch klein waren, waren sie nicht begeistert, ihr Land verlassen zu müssen. Am 25.Oktober 1918 haben sie also die lange und anstrengende Reise angetreten, zuerst vom Harwich Hafen mit dem Schiff nach Hook van Holland, da die Niederlande ein streng neutrales Land waren. Noch am selben Tag erreichten sie mit dem Zug Berlin und dort wurde der zweite Zugteil vom Balkanzug genommen, der über Dresden und Prag nach Wien führte. Nach dieser anstrengenden Reise sind sie am Samstag, den 27.Oktober 1918 in Pressburg angekommen.

Der luxuriöse Balkanzug mit Schlafwagen und Speiseabteil. Quelle: Archiv der Familie Lippert 

Sogar die Pressburger Zeitung berichtete darüber in ihrer Sonntagsausgabe: „Gestern nachmittags 5 Uhr traf auf der Heimreise aus England mit dem Wiener Schnellzug Herr Heinrich Prüger mit Gattin und drei Söhnen hier ein. Derselbe wurde von seiner Mutter und Brüdern freudigst empfangen“. 

Zuerst wohnte die Familie in Hotel Carlton. In dieser Zeit kam es zu den Ereignissen des Jahres 1918, welche die Deutschen in der Stadt (im Gegensatz zu den Tschechen und Slowaken) völlig unvorbereitet trafen. Es herrschte Chaos und das Selbstbestimmungsrecht wurde gestoppt, als im Januar 1919 die tschechische Truppen Pressburg besetzten. Für Henry als Hotelier, der das bedeutendste Hotel in der Stadt leitete, war es seine Aufgabe, Menschen aller Nationalitäten zu bedienen, insbesondere die Tschechen, welche die neuen Herren waren. Das Leben wurde schwer, Henry musste sich daran gewöhnen, dass er jetzt mit anderen Gästen zu tun hat als in London oder New York. In seiner Familie und seinem Privathaus ausserhalb der Stadt hat er nicht erlaubt in seiner Gegenwart die Stadt als „Bratislava“ zu bezeichnen, für ihn gab es nur Pressburg oder Pozsony. Dieser Patriotismus soll ihm später Schwierigkeiten bereiten.

Die Mutter der Familie Amalia, die viktorianische Tugenden wie Ehrlichkeit, Anstand, Würde und Aufmerksamkeit verkörperte, widmete sich auch in dieser Zeit der  Wohltätigkeit, indem sie armen Leuten täglich ein warmes Essen aus der Küche spendierte. Sie wurde von vielen geliebt und respektiert  und überlebte ihren Gatten um 24 Jahre. Am Höhepunkt ihrer Erfolge erlitt Amalia einen Schlaganfall. Obwohl sie von ihrer Familie mit voller Hingabe bertreut wurde, ist sie am 30.Dezember 1922 im Alter von 72 Jahren gestorben. Das Begräbnis am Andreasfriedhof glich einem Staatsakt. „Ganz Pressburg hat sich eingefunden, um einer der fürsorglichsten Mütter, einer der besten Pressburgerinnen das letzte Geleit zu geben“. Auf dem Wege von der Kapelle zur Gruft standen die Angestellten der Hotel-, Gastgewerbe und Kaffeehausbetriebe vom Savoy und Carlton, sowie Vertreter der Pressburger Kellnervereinigung mit Fackeln Spalier. Eine Grosse Familie verliert durch ihr Hinscheiden das mütterliche Oberhaupt.

Grabstein am St.Andreas Friedhof in Pressburg. Quelle: Archiv der Familie Lippert 

Die Villa Prüger am Tiefen Weg   

Im Sommer 1919 beschloss Henry die Familie aus dem Hotel zu bringen und kaufte ein Haus auf dem Hügel ausserhalb der Stadt. Bis 1923 wurde es phasenweise modernisiert und wurde schliesslich mit sechs Schlafzimmern und modernen Bädern mit fliessendem Wasser ausgestattet. Das Haus war umgeben von wunderschönen Gärten und einer kleinen Parklandschaft.

Familie Prüger 1928 im Garten unterhalb der Villa. Quelle: Archiv der Familie Lippert 

Auf dem Grundstück war noch ein weiteres Gebäude, wo der Hauswart mit seiner Familie wohnte. 1926 wurden sämtliche Umbauten abgeschlossen und ein angrenzendes Grundstück wurde gekauft, welches Henry mit seiner Frau Nell in eine Gärtnerei verwandelten. Drei Gärtner und drei weitere landwirtschaftliche Arbeiter wurden beschäftigt, nachdem eine Reihe von grossen Glashäusern gebaut wurden.

Der Blick vom Fusse der Obstgärten, im Hintergrund die Villa und davor die Gewächshäuser und das Heizhaus. Quelle: Archiv der Familie Lippert 

Das Unternehmen bekam den Namen „Gärtnerei Flora“ und wurde zur Domäne von Nell, welche es mit Begabung und Erfolg führte. Mit den angebauten Rosen belieferte sie nicht nur das Savoy-Carlton, sondern auch eine Anzahl von Blumengeschäften in der Stadt.

Nell Prüger 1933, eine vornehme Lady, liebevolle Mutter und Ehefrau und das Firmenzeichen ihrer Gärtnerei. Quelle: Archiv der Familie Lippert 

Die drei Buben hatten hier eine gesundere und sehr aktive Kindheit verbracht, die nicht nur mit Spielen, sondern auch mit Pflichten verbunden war. Henry war ein grosszügiger Mann, aber zugleich ein strenger Vater.

Die Unterlagen für diesen Artikel wurden uns von Herrn Johannes Lippert, Urenkel von Heinrich Anton Prüger, zur Verfügung gestellt, wofür wir uns bei ihm aufrichtig bedanken möchten.

Renáta Janovičková

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